SÜDWESTFALENS BLÜHENDE VIELFALT

LOKALES OBST FÜR EIN BLÜHENDES LAND

Höfe und Dörfer im südwestfälischen Bergland sind vielerorts von hochstämmigen Obstbäumen umgeben. Nicht nur zur Blütezeit sind sie ein Blickfang. Neben dem Obst für den Eigenbedarf und für lokale Märkte bieten die Obstwiesen Lebensraum für Insekten und Singvögel, in den Höhlungen alter Stämme finden Steinkauz und Fledermäuse ideale Verstecke. Streuobstwiesen gelten aber mancherorts als Auslaufmodell und abgestorbene Bäume werden oft nicht ersetzt. Obendrein drohen das Wissen um die Identität lokaler Obstsorten und ihre Kulinarik in Vergessenheit zu geraten. Das Naturschutzzentrum Märkischer Kreis wirkt dieser Erosion entgegen. Gemeinsam mit Vereinen, lokalen Initiativen und Biostationen kümmert sich das Projekt "Südwestfalens blühende Vielfalt erhalten" gezielt um die regionalen Obstwiesen und trägt zur Vermehrung selten gewordener Sorten bei.

Die Früchte der westfälischen Birnensorte "Winterkippe" sind nur so groß wie Golfbälle  und ähnlich hart. Als Kochbirnen sind sie bei Kennern aber begehrt.<br />
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© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
Die Früchte der westfälischen Birnensorte "Winterkippe" sind nur so groß wie Golfbälle und ähnlich hart. Als Kochbirnen sind sie bei Kennern aber begehrt.

© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
Wer die südwestfälische Obstvielfalt bewahren will, muss erst einmal wissen, was denn da auf den alten Streuobstwiesen bei Letmathe, Finnentrop oder Halver wächst. Denn dauerhaft sichern lassen sich das Rheinische Seidenhemdchen, die Winterköttelbirne und die vielen Dutzend weiterer Sorten nur, wenn man sicher identifizierte Bäume lokalisiert hat und junge Zweige für die vegetative Weitervermehrung von ihnen nehmen konnte.

Inventarisieren, veredeln, nachpflanzen
Manche Sorten, deren Namen in der alten Fachliteratur stehen, gelten als verschollen. Umgekehrt gibt es zahlreiche Apfel-, Birnen oder Kirschbäume, die sich einer Identifizierung zu verweigern scheinen. In solchen Fällen ist geduldige Recherche gefragt. Volker Knipp aus Schalksmühle, der das Streuobstprojekt bei der Naturschutzstation Märkischer Kreis koordiniert, hat schon viele Bauern und Gartenbesitzer nach ihren Erfahrungen und Lokalnamen befragt. In einem großen Gebiet wie dem westfälischen Süderbergland hat man für eine solche Aufgabe nie genug Verbündete.

Auf einen geeigneten Stamm ("Unterlage") können mehrere Zweige gepropft werden.<br />
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© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
Auf einen geeigneten Stamm ("Unterlage") können mehrere Zweige gepropft werden.

© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
Angepasst ans Sauerland-Klima
Die Streuobstwieseninitiative startet nicht bei Null. Volker Knipp war bis Anfang 2016 an einer dreijährigen Inventur wenig bekannter Obstsorten in Westfalen beteiligt. Die in dieser Zeit gefundenen besonders interessanten Sorten wurden bereits dokumentiert und durch Veredelung im Sortengarten Hemer und an anderen Standorten vermehrt. Damit stehen sie bereits jetzt für die Abgabe an Interessierte zur Verfügung. Mit 08/15-Neuzüchtungen würden sich Obstliebhaber der Region keinen Gefallen tun, denn die gängigen, auf gefällige Optik und hohe Erträge getrimmten Sorten eigenen sich kaum fürs raue Sauerland-Klima. Zudem erfordern sie einen hohen Einsatz an Pflanzenschutzmitteln. Statt der Giftspritze gelten hier Meisen, Marienkäfer und Ohrwürmer als die besseren Schädlingsbekämpfer. Sie vertilgen Raupen und halten die Blattlauspopulationen klein.

Obstbäume richtig zu schneiden will gelernt sein, andernfalls tragen sie weniger und kleinere Früchte.<br />
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© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
Obstbäume richtig zu schneiden will gelernt sein, andernfalls tragen sie weniger und kleinere Früchte.

© Foto: Naturschutzzentrum Märkischer Kreis
So wirbt Knipp bei örtlichen Initiativen wie Obst-, Gartenbau- und Heimatvereinen, bei landwirtschaftlichen Kreisverbänden, Naturschutzgruppen, Baumschulen und Biostationen für das Projekt. Ziel ist es, dass in der fünfjährigen Laufzeit mindestens 2.500 neue Bäume gepflanzt werden, davon sollen 1.000 seltene regionale Sorten repräsentieren. Und die sollen möglichst dort wachsen, wo sie historisch entstanden sind. Um Interessenten Anschauungsmaterial und Vorbilder zu bieten, werden zunächst Musterobstwiesen gepflanzt. Parallel dazu werden ein Standortkataster und eine digitale Bibliothek zur Obstbaukultur und zu den alten Sorten der Region aufgebaut. Begleitet wird das Projekt durch intensive Öffentlichkeitsarbeit. Über Veredelungskurse, die ab Frühjahr 2019 in allen LEADER-Regionen regelmäßig stattfinden, werden alte regionale Obstsorten gezielt in der Bevölkerung verbreitet. Wenn es im Jahr 2023 endet, wollen die Biostationen die weitere Betreuung der Musterbestände übernehmen, während der Pomologenverein so die Bezeichnung der Obstkundler Pflege und Ausbau der Datenbank fortsetzen werden.

Wo man für guten Geschmack brennt
Zum Sortenerhalt können übrigens nicht nur Landwirte und Grundstücksbesitzer beitragen. Jeder Käufer von Obstsaft, Obstbrand oder Frischobst von Streuobstwiesen stützt die Nachfrage und damit den Fortbestand. Die Qualität mancher Früchte wird allerdings erst erkennbar, wenn sie als Kochbirnen oder Dörrobst verarbeitet werden. Ein Beispiel ist die "Winterkippe", eine Birnensorte, von der bisher nur drei alte Bäume um Iserlohn-Letmathe gefunden wurden. Als Tafelobst taugen die herben Früchte nicht. Gekocht oder zu Obstbrand destilliert entfalten sie jedoch ein marzipanartiges Aroma. Für eine Zukunft solcher Seltenheiten braucht es deshalb experimentierfreudige Köche und Brenner.

Text: Günter Matzke-Hajek
Empfehlung für Apfelallergiker: alte Sorten mit bräunendem Anschnitt

Apfelallergiker reagieren fast ausnahmslos auch empfindlich auf Pollen. Besonders der Blütenstaub von Birken und vielen Gräsern scheint ähnliche Allergene zu besitzen wie das Fruchtfleisch mancher Äpfel. Alte Sorten wie Alkmene, Berlepsch, Boskoop, Gravensteiner oder Ontario haben allerdings deutlich schwächere allergene Wirkung und werden deshalb von Allergikern besser vertragen als Neuzüchtungen wie Braeburn, Golden Delicious, Granny Smith oder Pink Lady. Der Wirkmechanismus ist erst teilweise verstanden. Eine Rolle spielen Enzyme (Polyphenoloxidasen), welche die Allergene deaktivieren. Die höhere Enzymaktivität der alten Sorten ist daran erkennbar, dass ihr Fruchtfleisch im Anschnitt schneller braun wird. In dem Maße, in dem man das Bräunen und die Säure wegzüchtete, erhöhte man unbeabsichtigt das allergene Potenzial. www.bund-lemgo.de/apfelallergie

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 01/2019


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Mit einem hohen fünfstelligen Betrag fördert die NRW-Stiftung ein bis zum Jahr 2023 angelegtes Gemeinschaftsprojekt der Naturschutzstation Märkischer Kreis e. V. und sechs LEADER-Regionen in Südwestfalen zwischen Biggesee und Lippstadt. Ziel des Projektes ist es, das Landschaftsbild und die historische Obstvielfalt durch das Nachpflanzen alter und neuer Streuobstwiesen zu bewahren, zugleich stützt das Projekt die heimische Biodiversität.
www.naturschutzzentrum-mk.de

Naturschutzstation Märkischer Kreis e. V.

Grebbecker Weg 3
58509 Lüdenscheid

Tel.: 02351 432 42 40
Fax: 02351 432 27 80

www.naturschutzzentrum-mk.de

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